Mittwoch, 13. März 2013

Das Problem mit dem System

In meinem letzten Post habe ich etwas angesprochen, das ich nicht einfach unerklärt so stehen lassen kann. Mir ist im letzten halben Jahr immer wieder aufgefallen, dass hier viele Schüler Probleme mit selbständigem, strukturiertem und kritischem Denken Probleme haben.
 Das äußert sich beispielsweise in Präsentationen über Themen wie Menschenrechte oder Umweltschutz. Meistens lesen sie dann nur eine quelle aus dem Internet vor, ohne sich dazu eine eigene Meinung zu bilden oder gar Quellen zu vergleichen. Und was mich immer wieder schockiert, ist, dass niemand sich dafür zu interessieren scheint, was gerade in der Welt vorgeht. Kurz nach der US - Präsidentschaftswahl hat eine Lehrerin gefragt, wie denn Obamas Konkurrent hieß. Keiner wusste es. Dann hat sie gefragt, wer Justin Biebers Freundin ist. Alle wussten es. Tja, man muss eben Prioritäten setzen... Außerdem haben sie oftmals Schwierigkeiten bei den berüchtigten Transferaufgaben. Die verschiedenen Sorten von Reißverschlüssen können mir alle herbeten, aber bei der Anwendung von Wissen und eigenständigem Schlüsseziehen hakt es oft noch.

Damit möchte ich auf keinen Fall sagen, dass alle Indonesier dumm sind. Nein, das Problem ist, dass die Schüler nie gelernt haben, selbständig zu denken.

In Indonesien kann man nach zwei Minuten Unterhaltung bereits sagen, ob das Gegenüber arm oder wohlhabend ist. Nicht am Aussehen, nicht an der Kleidung, nur an der Sprache. Die Reichen können nämlich englisch. Das Schulsystem hier funktioniert leider so, dass nur die gut sein können, die sich die teuren Extrakurse leisten können. Deswegen gehen schon Vorschulkinder zum Englischkurs. Wer es sich nicht leisten kann, hat Pech gehabt. Die Lehrer sind schlecht bezahlt und oft auch schlecht ausgebildet. Die extrem festgeschriebenen Lehrpläne erlauben so gut wie keine Zeit für Nachfragen, zusätzliche Erklärungen oder zusätzliche Übungen. Wenn man nachfragt, fährt einem der Lehrer über den Mund: „Hast du etwa nicht zugehört?“ Deswegen habe ich hier auch immer wieder Probleme mit stummen Klassen. Es kommen keine Nachfragen, wenn etwas unklar ist, und ich habe keine Ahnung, ob die Schüler mich verstehen oder nicht.  Das kann einen ziemlich aufregen.
Die Sache mit dem strukturierten und kritischen Denken ist ähnlich. In der Schule ist vor allem Bulimie-lernen angesagt: Reinstopfen und rauskotzen. Es wird wenig Wert gelegt auf vernetztes Denken, eigenständiges Arbeiten oder gar auf die Äußerung einer eigenen Meinung.
Die Sache mit der Meinung ist natürlich auch ein bisschen kulturell bedingt. Alles strebt nach Harmonie, und weil Meinung und Person untrennbar miteinander verbunden sind, finden kontroverse Diskussionen, so wie wir sie kennen (und lieben), meist gar nicht erst statt. Eine entgegengesetzte Meinung zu äußern wäre ja eine Beleidigung der anderen Person. Das ist für einen Menschen wie mich, der für sein Leben gern diskutiert, natürlich schwierig. Der westliche, direkte Kommunikationsstil wird hier oft als extrem unhöflich empfunden.
Und dann ist da noch die Sache mit dem Interesse am Weltgeschehen. Die Politikverdrossenheit ist ja noch einfach nachzuvollziehen. Ich wäre auch frustriert, wenn die einzigen Nachrichten aus der Politik die neuesten Korruptionsskandale sind. Da können wir in Deutschland mit unseren Skandälchen einpacken. Hier ist es eine Sensation, wenn ein Politiker mal nicht korrupt ist. Aber auch vom Superstorm Sandy hatte keiner der Schüler gehört. Ich kann nicht glauben, dass die große Mehrheit an Indonesiern dumm und uninteressiert ist. Ich kann mir die ganze Sache höchstens historisch versuchen zu erklären. Unter der holländischen Kolonialherrschaft war Bildung für die Massen natürlich unerwünscht. Und dann, kurz nach der Unabhängigkeit, kamen ja auch schon die Jahre der „gelenkten Demokratie“ unter Suharto. Dieser ließ erst mal fast eine Million Kommunisten, angebliche Kommunisten und eventuell mit Kommunisten in Verbindung Stehende umbringen. Danach hatte er dreißig Jahre lang ein Auge auf die Presse. Die ersten von der Weltgemeinschaft anerkannten freien Wahlen fanden erst 2004 statt. Viele Indonesier sind es wohl einfach nicht gewöhnt, freien Zugang zu Informationen zu haben. Außerdem stammen einige der Lehrmaterialien in den Schulen auch noch aus der Suharto-Ära.
Bei der Gelegenheit möchte ich auf eine gute Sammlung von Texten zur indonesischen Vergangenheit und Gegenwart hinweisen: http://www.bpb.de/apuz/75757/indonesien 

Das ist nur meine persönliche Sichtweise auf die Dinge. Natürlich ist es sicher auch so, dass sich viele Indonesier Zeitungen, Fernsehen oder Internet nicht leisten können. Allerdings haben die Schüler im IGTC alle Möglichkeiten, und die oben beschriebenen Erfahrungen habe ich größtenteils mit der Klasse aus den reichen Familien gemacht.
Auf jeden Fall weiß ich es jetzt wirklich zu schätzen, was wir in Deutschland für Möglichkeiten haben. Und an alle, die noch in der Schule sind: Genießt es, ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt. Ihr würdet es vermissen. 

Samstag, 23. Februar 2013

Halbzeit


Wahnsinn. Jetzt bin ich doch tatsächlich schon seit sechs Monaten hier. Nächste Woche muss ich das Land verlassen, weil man nach 180 Tagen ja ein ganz neues Visum braucht. Bevor ich mich also für eine Woche nach Malaysia verabschiede, hier noch ein update über die letzten Wochen.

Vorletztes Wochenende hatten wir AFS- Midstay-Camp in Bandung. Das war vor allem deshalb schön, weil wir nach einem halben Jahr auch zwei der drei Freiwilligen aus Malang endlich mal wieder getroffen haben. Außerdem konnten wir uns über unsere bisherigen Erfahrungen austauschen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir sehr unterschiedliche Highlights haben, aber im Prinzip die selben Probleme: Kommunikation. Dabei geht es nicht so sehr um die Sprachkenntnisse (mit denen wir allerdings auch alle eher weniger zufrieden sind), sondern mehr um die Art zu kommunizieren. Ich habe es ja glaube ich schon mal angesprochen, wie in den meisten asiatischen Ländern wird in Indonesien sehr indirekt kommuniziert. Das Problem dabei ist, dass man sich nie ganz sicher sein kann, was das Gegenüber genau meint. Man sagt nämlich so gut wie nie Nein. Also sind wir verunsichert, wissen nicht, was gemeint ist, oder haben ein schlechtes Gefühl, weil wir immer denken „Hm, vielleicht war das doch anders gemeint.“
Ob das Camp jetzt inhaltlich so viel gebracht hat, kann ich nicht sagen. Es war nicht ganz so informativ wie unsere Vorbereitungsseminare, aber ich glaube, ein bisschen motiviert hat es schon. Aber auf jeden Fall hat es viel Spaß gemacht und war viel zu kurz. Wir haben eine Angklung – Herstellung besichtigt, das sind traditionelle Instrumente aus Bambus, und wir waren in den Factory – Outlets shoppen, leider nur eine Stunde. Da muss ich nochmal hin, da gibt es Kleidung für ein Zehntel des deutschen Preises, nur weil die Knopfleiste ein bisschen verschoben ist oder so. Die ganzen großen internationalen Marken produzieren ja hier in der Gegend und in Bandung.

Meine persönliche Halbjahresbilanz ist gar nicht so einfach. Es ist immer noch so, dass ich Tage habe, an denen ich mich hier wirklich zu Hause fühle, und Tage, an denen ich das Gefühl habe, jetzt reichts.

Meine Familie ist immer noch das Beste hier. Mit meinen Schwestern verstehe ich mich immer noch super. Niki sehe ich jetzt allerdings nicht mehr, weil sie mit ihrer Familie nach Sumatra gezogen ist und wahrscheinlich erst zu Idul Fitri wieder nach Hause kommt. Da bin ich ja dann leider schon weg. Aber mit Mamah kann ich mich jetzt schon ein bisschen besser unterhalten. Ich bin immer noch überzeugt, dass ich die beste Familie bekommen habe. Mit ihrer Offenheit und Freundlichkeit haben sie mir das erste halbe Jahr deutlich erleichtert. Natürlich hilft es, dass außer Mamah alle entweder Deutsch oder Englisch können, aber trotzdem so viel wie möglich Indonesisch mit mir sprechen. Außerdem ist es hilfreich, dass alle schon im Ausland waren und mich besser verstehen können, wenn mich manche Dinge komplett in den Wahnsinn treiben, und mir dann auch Sachen erklären können. Und dass ich zwei Lehrerinnen in der Familie habe, die mir Tipps geben können, damit mich die Schüler nicht so fertig machen.

Mit meinen Sprachkenntnissen bin ich noch nicht so richtig zufrieden. Uns haben alle gesagt, nach drei Monaten könnt ihr Indonesisch. Das würde ich von mir nicht  behaupten.  Ja, ich verstehe schon das Meiste, im Teachers’ Meeting oder wenn ich mich mit meiner Familie unterhalte. Aber sprechen kann ich noch nicht so gut. Vor allem mein Vokabular ist noch nicht so groß. Das liegt aber auf jeden Fall an meiner eigenen Faulheit. Ich gelobe Besserung, nach sechs Monaten habe ich es jetzt auch endlich geschafft, mir ein Taschenwörterbuch zu kaufen. Jetzt kann ich zwischendurch mehr nachschlagen, und dann muss ich mir die Wörter nur noch merken können... Das große Problem ist, dass ich nicht so viel Gelegenheit habe zu sprechen. Im IGTC dürfen die Schüler ja während der Unterrichtszeit überhaupt kein Indonesisch sprechen, sonst müssen sie zahlen. Also spreche auch ich nur Englisch, und so bleibt mir nur zuhause.
Allerdings ist mein Indonesisch nicht so schlecht, wie hier manche denken. Als Bule bist du sowieso automatisch Native English Speaker, und alle wollen Englisch mit dir reden. Und neulich, als ich mit meinen Kolleginnen unterwegs war, haben die mir nicht einmal zugetraut mir allein ein Wasser zu kaufen. Ich weiß nicht, ob sie wissen, dass ich ihre ganzen Unterhaltungen verstehe...

Und dann ist da natürlich das IGTC, der Hauptgrund für meine gespaltene Meinung zu dem letzten halben Jahr. Einerseits weiß ich, dass es an sich ein gutes Projekt wäre. Andererseits sehe ich so viele Dinge, die besser laufen könnten, sowohl im Englischunterricht als auch in der ganzen Einrichtung. Zum Beispiel werden ja alle Unterrichtsstunden auf Englisch gehalten. Leider ist das Englischniveau sowohl der Schüler als auch mancher Lehrer (inklusive Englischlehrer) nicht so richtig hoch. Das heißt, ich kann gegen lange antrainierte Fehler („I want be a success person“) ewig ankämpfen, aber es kann gar nicht besser werden, wenn beispielsweise unsere Schulleiterin genauso spricht und manchmal sogar verschlimmbessert (also richtige Sätze falsch korrigiert). Und ich weiß nicht, wie viel von den Themen bei den Schülern hängen bleibt, wenn sie teilweise die Unterrichtsmaterialien nicht verstehen.
Ich habe hier auch schon Methoden gesehen, da stehen einem die Haare zu Berge. Einmal gab es einen Diebstahlfall. Also wurden einfach mal alle Schüler bis nachts um zwölf ohne Klimaanlage in einem Klassenzimmer eingesperrt, damit sich die schuldige Person meldet. Und wie die Schüler immer von der Schulleiterin angeschrien werden ist auch nicht schön. Die zittern teilweise richtig vor ihr.
Mit meinem eigenen Unterricht bin ich auch nicht so richtig zufrieden. Ich weiß nicht, wie viel bei der Klasse hängenbleibt, wenn manchmal einfach überhaupt keine Reaktion kommt. Ich weiß nicht, ob ich sie überfordere oder ob sie nur keine Lust haben oder ob mein Unterricht langweilig ist. Am liebsten unterrichte ich Grammatik, das ist am einfachsten. Nicht, dass sie es dann anwenden würden, aber vielleicht kommt das mit der Zeit.
Ich habe auch immer noch nicht so richtig viel zu tun, nur zwei Stunden im normalen Stundenplan und ein paar Additionals. Den Rest der Zeit weiß ich mich auch so zu beschäftigen, aber ich habe eigentlich keine Arbeit, ich bin immer noch nicht sicher, ob ich dem IGTC so viel nutze. Vor allem, weil man mich hier wohl auch eher als Praktikantin ansieht, das heißt, Bu Susi betont immer wieder, dass ich hier ja vor allem was lernen soll. Das will ich ja auch, aber eigentlich wollte ich ja nicht nur für mich selbst etwas tun. Wenn ich in Deutschland ein FSJ mache, dann mache ich das ja auch, damit ich anderen Menschen helfen kann. Deswegen bin ich mir nicht ganz sicher, ob das IGTC wirklich ausgerechnet IJFDler braucht. Und ich habe gestern erfahren, dass uns demnächst zwei große Sponsoren wegfallen, sodass wir mehr Selfpayer – Klassen machen müssen. Da weiß ich dann nicht, ob das Ganze noch ein richtiges soziales Projekt ist, wenn es sich nur noch die leisten können, denen sowieso alle Möglichkeiten offenstehen.
Außerdem glaube ich, dass ein Jahr Training zu wenig ist. Früher waren es zwei Jahre, aber dann wurde die Zeit verkürzt, ich weiß nicht warum, vielleicht aus Kostengründen. Für den Stoff reicht ein Jahr auch aus, aber für Englisch und solche Dinge wie selbständiges, strukturiertes und kritisches Denken braucht es mehr Zeit. Das sind meiner Meinung nach eher die wichtigen Dinge, alles andere lernen sie bei der Arbeit.
So, aber jetzt genug gemeckert. Es ist auch nicht alles schlecht hier. Meine Additional Class macht immer Spaß, vielleicht auch weil die Klasse mir sympathischer ist. Da bin ich auch freier mit der Unterrichtsgestaltung, letztes Mal habe ich ihnen Lieder vorgespielt und sie mussten die Songtexte ergänzen, und danach haben wir zusammen gesungen. Meine zweite Lieblingsaktivität ist die Dancing Class. Zwar weiß ich nie, wer kommt und wann, aber es kommt immer irgendjemand. Und weil wir jedes Mal von Null anfangen, komme ich auch nie in Verlegenheit, ihnen kompliziertere Figuren beibringen zu müssen, von denen ich wenn dann nur den Frauenschritt beherrsche.

Meine Ziele/Vorsätze für das zweite Halbjahr:
-       Indonesisch besser sprechen lernen
-       Mich nicht zu sehr über meine Arbeit aufregen
-       Mehr Verantwortung bekommen, vielleicht noch eine zweite Klasse
-       Kochen lernen. Nasi Goreng kann ich schon und im frittieren bin ich auch nicht so schlecht. J

So, jetzt geht es erstmal in den Urlaub. Ach nein, auf die Botschaft. Ich bin ja wirklich nur für mein Visum in Malaysia...

Freitag, 18. Januar 2013

IGTC - und dann?


Was macht ein IGTC-Absolvent nach seiner Graduation? Er bekommt einen Job. Und das sogar ziemlich sicher, bis jetzt haben alle IGTC-Absolventen einen Job  in der Textilindustrie gefunden, oft haben sie den sogar schon sicher, bevor sie die Schule verlassen, dank tatkräftiger Unterstützung durch Trainer und Direktoren des IGTC, die natürlich alle exzellente Beziehungen zur Branche haben.
Manchmal jedoch haben Helen, Vera und ich uns schon gefragt, ob ein Jahr in IGTC überhaupt ausreicht. Laut Helen und Vera, die ja quasi dasselbe Fach studieren, geht der Unterricht überhaupt nicht in die Tiefe, und die Englischkenntnisse sind auch nicht wirklich überragend. Aber letzte Woche haben wir PT. Asmara besucht, eine Sourcing-Agentur, die für Tom Tailor, Guess, Zalando, Mustang uvm. arbeitet. Dort arbeiten viele IGTC-Alumni, und die Schüler hatten Gelegenheit, sich mit ihnen auszutauschen. Dabei hat man ganz deutlich gemerkt, wie viel man nicht in der Schule lernt, sondern bei der Arbeit. Vor uns standen kompetente junge Menschen, die sehr gut Englisch konnten und nicht nur mehr wussten, sondern auch allgemein deutlich erwachsener wirkten. Das hat uns beruhigt. Wir können IGTC nur die Grundlagen vermitteln, der Rest ist praktische Erfahrung. Außerdem sollen die Schüler Zeitmanagement und den Umgang mit Stress lernen, weil der Job eines Merchandisers quasi nur aus Druck besteht. Deswegen bekommen unsere Schüler so viele Hausaufgaben, dass sie manchmal, nachdem sie bis abends um sechs Unterricht hatten, noch bis nachts um drei arbeiten (und dann um vier wieder aufstehen). Das soll ihr Durchhaltevermögen trainieren, aber leider ist dann morgens einfach kein normaler Unterricht möglich, weil alle nur schlafend in ihren Stühlen hängen.
Eine Sache, die uns sehr erstaunt hat und mal wieder einen gravierenden kulturellen Unterschied zeigt: Eine der Alumni hat von ihren Schwierigkeiten in Asmara erzählt: Als Merchandiser der Agentur muss sie manchmal dem Merchandiser der Fabrik Druck machen. Als sich aber herausstellt, dass besagter Merchandiser auch in IGTC war, und zwar ein paar Klassen über ihr. Wir würden jetzt fragen, wo das Problem ist, sie steht jetzt nun mal über ihm, aber hier ist diese Altershierarchie einfach so stark verankert, dass das für sie eine Schwierigkeit darstellt.
Und noch mehr Kultur: Neulich habe ich mit MMQ23 eine Evaluation meines Unterrichts gemacht, wie ich es von den guten Lehrern aus meiner Schulzeit kenne. Hier würde glaube ich niemand auf so eine Idee kommen. Mein Englischkollege hat mich doch tatsächlich gefragt: „Und was ist, wenn du eine negative Rückmeldung bekommst?“ Das ist ja der Sinn der Sache. Allerdings war ich dann doch ein bisschen angefressen von den Ergebnissen. Dass viele sagen, dass sie mich schlecht verstehen, hatte ich ja erwartet, oder dass sie dem Unterricht manchmal schlecht folgen können. Ich spreche nun mal ein schwierigeres Englisch mit einem ungewohnten Akzent. Aber dass mein Unterricht langweilig ist, ich empfindlich und oft unfreundlich bin und leicht wütend werde, fand ich dann doch etwas hart. Gott sei Dank gibt es Mr. Hans. Er hat mir bestätigt, dass das ein Kulturproblem ist. Indonesier werden nicht wütend, indonesische Lehrer zeigen nicht, dass sie sauer sind, wenn ihre Schüler keine Hausaufgaben machen. Und wie oft habe ich schon versucht, meinen Schülern klar zu machen, dass sie fragen sollen, weil ich sonst nicht weiß, ob sie mich verstehen. Aber das geht in indonesischen Schulen überhaupt nicht. Da werde ich halt schon manchmal genervt, wenn ich nie eine Reaktion von meinen Schülern bekomme. Woran mich Mr. Hans auch wieder erinnert hat, ist das Hierarchieproblem. Er meinte, Mr. Till könnte denen den größten Mist erzählen, sie würden ihn immer noch besser bewerten und ihm mehr glauben als mir, einfach, weil er um die 80 ist und ein Mann.
Einerseits muss ich mich mit der Situation abfinden, andererseits verstehe ich jetzt auch besser, warum die in IGTC ausgerechnet mich für den Englischunterricht brauchen. Ich bin hier, damit die Schüler sich an den Umgang mit Europäern gewöhnen und lernen, mit den verschiedenen Kommunikationsstilen zurechtzukommen. Bisher dachte ich, das würde mehr Sinn außerhalb des Klassenzimmers machen und für den Englischunterricht würde ein gut qualifizierter Englischlehrer mehr Sinn machen. Aber jetzt glaube ich, dass es Sinn macht, eine junge Freiwillige in den Englischunterricht zu schicken, um genau dieses Aufeinanderprallen der Kulturen zu provozieren. Die Schüler sollen einerseits lernen, mit dieser Hierarchiesituation klarzukommen, dass sie plötzlich jemanden respektieren müssen, der jünger ist, und andererseits auf europäische Konfliktstile vorbereitet werden. Später wird ihr Kunde von Tom Tailor oder S.Oliver oder so sie auch nicht totlächeln, wenn er nicht zufrieden ist, sondern ganz klar sagen, was Sache ist.
Und dass ich dabei jede Menge lerne, ist ja sowieso klar. 

Banjir - Land unter in Jakarta

Die Meisten werden es schon aus den Nachrichten erfahren haben: Wie üblich alle fünf Jahre, steht Jakarta unter Wasser. Nachdem ich schon besorgte Anfragen bekommen habe: Mir geht es gut. Bogor ist zwar die Regenstadt Indonesiens, aber Überschwemmung haben wir hier keine, weil wir höher liegen als Jakarta. Das heißt, sämtlicher Regen, der bei uns hier runterkommt, sammelt sich in Jakartas Straßen. In manchen Vierteln kann man sich nur noch mit dem Boot fortbewegen, was natürlich die sowieso schon katastrophale Verkehrssituation noch verschärft. Wieder einmal bin ich froh, in Jakarta weder zu wohnen noch zu arbeiten. Meidy konnte gestern nicht zur Arbeit, weil der Pendlerzug gar nicht mehr bis zu ihrer Station fahren konnte. Und ich glaube, die nächsten Tage wird es nicht besser.
Das Schlimme an der Flut ist, dass es wie immer die Ärmsten am härtesten trifft. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Menschen, die in den ärmsten Gebieten der Stadt leben, mit der Flut zurechtkommen. Die meisten Häuser haben ja kein zweites Stockwerk, in das man sich retten könnte. Und die ganzen Straßenhändler haben jetzt zumindest kein Einkommen, wenn sie überhaupt ihre Stände retten können bis das Wasser wieder abgelaufen ist.
Wenn wir uns also in unserem abgesicherten Wohngebiet in Bogor auf dem Hügel über den ständigen Regen beschweren, jammern wir auf sehr hohem Niveau.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Weihnachten in Bali - Kulturschock Nr.2


 Unglaublich, Bali ist wie eine komplett andere Welt. Es fühlt sich einfach nicht mehr an wie Indonesien, zumindest nicht das, welches ich kennen und lieben gelernt habe. Erstens ist Bali natürlich überwiegend hinduistisch. Überall stehen Statuen von irgendwelchen Göttern (?). Denen wird täglich geopfert, sodass man ständig aufpassen muss, dass man nicht auf ihr Essen tritt, kleine Schalen aus Kokosblättern mit Blumen und Reis. Manchmal auch Cracker, Bonbons oder Instant-Hühnchencurry.  Die Architektur ist auch ganz anders als in Java, mit vielen Schnörkeln usw. Der Hinduismus macht es und allerdings etwas schwer, Essen zu finden: In Java kann man sich drauf verlassen, dass das Essen eigentlich überall Halal ist (kein Schwein, kein Alkohol). Hier isst man eben auch viel Schwein, nicht so einfach für drei Muslime und einen Vegetarier. Schon am ersten Tag habe ich den guten alten Kaki Lima vermisst.
Aber das war nicht der eigentliche Schock. Der eigentliche Schock war, plötzlich überall fast nur noch Bules zu sehen. Die ersten Tage haben wir nämlich in Kuta verbracht. Das ist so ziemlich der berühmteste Strand in Bali. Man sieht also überall Menschen im Bikini, halbnackte Klischeesurfer und dicke alte Männer mit Sonnenbrand herumlaufen, Bier trinken und Fleisch essen. Kuta ist mir eindeutig zu rummelig. Das ist eine einzige Touristenzone mit Bars, Restaurants und Läden. Abends ist jeden Tag Party. Nervig, wenn man lieber früh ins Bett und früh aufstehen will. Überhaupt habe ich mich da ziemlich fremd gefühlt. Es ist einfach etwas anderes, wenn man mit Indonesiern unterwegs ist. Man fühlt sich irgendwie anders als die anderen Bules und will dann natürlich auch allen beweisen, dass man kein normaler Tourist ist. Also habe ich versucht, so viel Indonesisch wie möglich zu sprechen und habe mich nicht wie die anderen Bules im Bikini an den Strand gelegt (weil ich gar keinen habe), sondern mich zusammen mit den Indonesiern in den Schatten gesetzt.
Die Tempel, die wir besichtigt haben, lohnen sich aber trotzdem, auch wenn sie genauso von Touristen überlaufen sind. Besonders hat mir Uluwatu gefallen, ein Tempel auf den Klippen, dessen eigentliches Highlight aber die Affen sind, die da wohnen.
Tanah Lot
... und so voll ist es da eigentlich
kluge Balinesische Affen können auch aus der Flasche trinken
Weihnachten selbst war eher wenig zu spüren. An Heiligabend war ich nachts um zehn im Gottesdienst in der Katholischen Kirche (auf Indonesisch, der Englische war zu früh), weil wir keine andere gefunden haben. Die war allerdings so voll, dass ich gar nicht mehr reingekommen bin. Bestimmt hundert Leute saßen also dicht gedrängt unter einem riesigen Dach vor der Kirche auf Plastikstühlen, während der Gottesdienst auf eine Leinwand nach draußen übertragen wurde. Es war trotzdem ein bisschen feierlich.
Gili Trawangan, eine Insel vor Lombok, ist besser als Kuta. Da sieht man zwar genauso viele Bules, aber auch normale Indonesier. Man findet auch leichter normales Essen zu halbwegs normalen Preisen (ein Euro für ein Mittagessen J ). In Gili waren wir schnorcheln und, was mich extrem gefreut hat, tauchen. Ich habe nämlich von Pipit und Hafiz einen Discovery Dive zu Weihnachten bekommen, mit Nuni zusammen. Es hat total Spaß gemacht, vielleicht mache ich irgendwann einen Tauchschein.







Zu Silvester waren wir wieder in Bogor, haben aber nicht so wahnsinnig viel gemacht. Erstmal gab es ein Wiedersehen mit Rahma, die nach fast zwei Monaten wieder aus Deutschland und der Schweiz zurück ist. Leider hat das unter anderem zur Folge, dass wir jetzt einen Kühlschrank voller Lindtschokolade haben J.
Abends waren wir bei einer Freundin von Mamah zum Essen eingeladen. Dabei hat sich Hafiz als begeisterter Karaokesänger erwiesen, aber wir Mädels waren immer noch zu kaputt von der Reise und haben uns schlafen gelegt. Das Feuerwerk haben wir bei uns im Wohngebiet angeschaut. Ist ähnlich wie bei uns, nur dass die Feuerwerkskörper vermutlich nicht geprüft werden. Ich war auf jeden Fall froh, dass meine Familie keine gekauft hat.

Und zum Schluss mal wieder was zum Thema „Meine Arbeit nervt“: Obwohl zunächst alle davon ausgegangen waren, dass IGTC über Weihnachten und Neujahr eine Woche Ferien hat, kam im November vom Management: Ätsch, ihr habt nur je zwei Tage für Heiligabend und Weihnachten und für Neujahr und Silvester. Ok, kein Problem, habe ich mir eben für die drei Tage dazwischen Urlaub genommen, natürlich vorbildlich einen Monat vorher. Dann ruft mich doch tatsächlich Miss Susi am 26. an, wo ich denn sei und ob mich jemand abholen muss.
Und noch was zu der wahnsinnig guten Organisation hier: Mein Englischkollege ist der verplanteste Mensch der Welt. Immer am Anfang des Monats ist es ein ziemliches Drama, bis wir zusammen mit Helen und Vera endlich unseren Stundenplan für die Additionals arrangiert haben. Eine Woche später steht dann plötzlich eine andere Klasse vor Vera, Helen oder mir und behauptet, wir müssten sie jetzt unterrichten. Also werfen wir mal schnell zwei Klassen zusammen, die womöglich gar nicht zusammenpassen und improvisieren eine Unterrichtsstunde, weil unser Plan mit der Gruppe nichtmehr funktioniert. Und das selbe jede Woche neu.